die krawatte in der photographie

die krawatte in der photographie

Vor knapp 20 jahren setzte ich die idee meiner sammlung KRAWATTIVITÄTEN fort, in dem ich das thema KRAWATTE für mich in der PHOTOGRAPHIE wiederentdeckt habe. seit dieser zeit trage ich alles zusammen, was photographen und vor allem auch photographinnen in den letzten über 100 jahren zum thema KRAWATTE photographiert haben. alle großen photographen sind in der sammlung vertreten.

mit hilfe der weltweit renommiertesten galerien habe ich bis heute weit über 200 photographien gesammelt.

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das erste sammlungsstück: ©yvonne diefenbach *1969

Der Junge mit dem Seitenblick


"Eine Begegnung mit Stefan Thull und seiner Sammlung zur „Krawatte in der Photographie“

Jede Leidenschaft grenzt ja ans Chaos, die sammlerische aber an das der Erinnerungen."

Walter Benjamin


Stefan Thull macht es einem offenkundig sehr leicht. Wer die Website anklickt, die seinen Namen trägt, gelangt sogleich zu dem Bild eines Jungen. Verschmitzt schaut dieser Bub uns von der Seite an. Das Kinn ist leicht angehoben, der Blick selbstbewusst und schon voller Ironie, als wolle er sagen: „Schaut nur her! Selbst wenn Ihr es versucht, Ihr kriegt mich nicht! Niemals…“


Der Junge, dessen Haare ordentlich gekämmt sind, trägt einen Pullover, darunter ein weißes Hemd, und -für sein Alter recht ungewöhnlich – eine dunkle Krawatte. Könnte damit bereits das Rätsel gelöst sein? Stefan Thull, der 1958 in Aachen geboren wurde, sammelt schließlich seit den 1990er Jahren Fotografien, auf denen Krawatten (!) abgebildet sind. Nicht weniger als 600 Millionen Männer tragen weltweit täglich dieses nutzlose und statusbildende, aber sehr schöne Accessoire, sagt er gleich zu Beginn unseres Treffens. Und natürlich sei der Junge auf diesem Foto er selbst. Der Pullover auf dem Schwarzweißfoto sei damals übrigens grün gewesen, daran könne er sich noch erinnern. Es sei seine Lieblingsfarbe geblieben, betont er. Der Mann, der uns gerade gegenübersitzt, trägt ebenfalls einen grünen Pullover, doch eine Krawatte trägt er nicht. Nein, Stefan Thull macht es einem doch nicht so leicht.

Gemeinhin heißt es von Sammlern, dass sie den alles verzehrenden Drang ihres Tuns selbst nicht begründen können. „Viele verspüren eine ständige Ratlosigkeit, die sich nur durch neue Funde oder eine noch weitere Anschaffung bezähmen lässt“, attestierte einmal Werner Münsterberger. Auch Stefan Thull verneint und sieht gleichwohl ziemlich gelassen aus. Er erzählt stattdessen, wie alles begonnen habe. Einmal, vor Jahren in Bonn, habe er für einen Kollegen eine Glückwünschkarte organisieren wollen. Das ungewöhnliche Motivbild einer Krawatte, das er in einem Postkartenladen fand, habe in ihm dann so viel Begeisterung entfacht, dass er fortan Kunst und Kitsch von all den Motiven erwerben wollte, auf denen das langhalsige Kleidungsstück erkennbar war. Diese „Krawattivitäten“, wie Thull sie schelmisch genannt hat, veräußerte er 1990 an Sepp Halbritter in Fuchsstadt. Man konnte die über 250 Objekte, darunter auch Reproduktionen von Jim Dine, über Jahre dort noch im Krawattenmuseum bestaunen.


Geradezu idealtypisch liest sich auch für den Zeitraum danach das biografische Scheckheft seiner Obsession. Denn mit der Sammelleidenschaft ging eine zunehmende Kennerschaft einher. 1985 veröffentlichte er – notgedrungen im Eigenverlag – ein Anleitungsbuch mit dem umwerfenden Titel „Die Kunst des Krawattenbindens“, das französische Original stammte aus dem Jahre 1827. Der Reprint wurde ein Bestseller. Da wurde er plötzlich in Talkshows eingeladen und als Connoisseur und Krawattenpapst gefeiert, erzählt Thull. Nur leben konnte er von einem solchen Titel nicht. Zur Fotografie gelangte er erst zu Beginn der 90er Jahre, als er in München in einer Werbeagentur arbeitete und für Broschüren der Textilindustrie auch bildredaktionell tätig wurde. Hier eignete er sich nach eigenem Bekunden jene Augenschulung an, die für seine zweite Sammlung „Die Krawatte in der Photographie“ maßgeblich wurde.

Den Beginn dieser Sammlung markiert nicht zufällig eine Aufnahme von Paul Outerbridge. Schließlich sei der Fotograf just an eben jenem Tage verstorben, an dem er geboren wurde, betont Thull. Eine solch mythische Eigenlogik mag verbunden mit dem Thema vielleicht etwas sonderlich anmuten. Mitunter hätten ihn Galeristen denn auch angeschaut, als hätte er etwas höchst Unanständiges verlangt, berichtet er. Doch ganz so abwegig sind dererlei Obsessionen keineswegs. Bereits in höfischen Wunderkammern konnten sich Motivsammlungen etablieren, um ein enzyklopädisches Interesse an der Welt zu befriedigen. Im 19. Jahrhundert reüssierten sie in unterschiedlichsten Nischen, zum Beispiel in naturwissenschaftlichen Sammlungen, ikonografischen Bildarchiven der Kunstgeschichte und den Niederungen der Philatelie. Heutzutage dienen motivische Bildsammlungen eher als Fundgrube und Ausgangspunkt künstlerisch kreativer Interventionen (vgl. Stephan Balkenhol, Peter Piller). Für die Fotografie mag dabei gelten, was einst schon Helmut Gernsheim forderte: „Man sollte nur etwas sammeln, was andere noch nicht sammeln. Wenn du etwas sammelst, wofür sich niemand außer dir interessiert, gibt es nur eine Alternative: entweder du bist verrückt oder alle anderen.“ Mit der sympathischen Verquertheit, die solch motivische Sammlungskonzepte in der Fotografie zwangsläufig auszeichnen, steht Stefan Thull nicht allein da. Schon in den 90er Jahren beschwor beispielsweise die Sammlung Michael Horbach die Sinnlichkeit von Achselhaaren (!). In jüngerer Zeit konzentriert der New Yorker Galerist Bill Hunt seine Sammelleidenschaft auf Aufnahmen von „Blind People“, während die Kölnerin Christiane Ruff ihre Car-Collection stetig erweitert…


Endlich kredenzt Stefan Thull die Exponate seiner Sammlung. Es wird rasch klar, dass auch sie sich einem triebhaft spielerischen Ehrgeiz verdankt, dessen Charme wiederum man sich nur schwer entziehen kann. Dabei hat der Sammler zu jeder Trophäe eine passende Anekdote parat, meist die des abenteuerlichen Erwerbs. Zugleich springt aber auch der betont heterogene Charakter des Bilderkonvoluts ins Auge. Bruce Gilden ist etwa genauso vertreten wie Marianne Breslauer, Hannes Kilian wie Josef Koudelka, Saul Leiter wie Robert Lebeck. Historische Aufnahmen von Krawattenläden finden sich ebenso wie Objektaufnahmen in Bauhaus-Manier oder bildjournalistische Ereignisfotografie (beispielsweise eine 1996 zum World-Press-Photo gekürte Aufnahme der US-Amerikanerin Barbara Kinney aus dem Weißen Haus). Ironisch ausgefeilte Exponate (zum Beispiel ein Schlips des Bundesnachrichtendienstes mit eingebauter Kleinstkamera, fotografiert von Andreas Magdanz) stehen mit Delikatesse einer surrealistisch anmutenden Serie des Wiener Fotografen Martin Gerlach gegenüber. Anstelle von Krawatten zeigt sie laszive Frauenakte vor einer Männerbrust. Freud lässt grüßen! So sind es gerade die Metamorphosen des Fetischs, die sich am freiesten gebärden. Der Spanier Chema Madoz verwendet das nutzlose Utensil dann auch einmal als Lesezeichen. Und letztendlich dürfen natürlich auch die Prominenten nicht fehlen. Gilbert Becaud, der große französische Chansonnier, räkelt sich auf einer Inszenierung von Jeanloup Sieff in einer sentimentalen Pose, zu der der lustig weißgepunktete Schlips nicht so recht passen will. In einer 6-teiligen Sequenz von Herlinde Koelbl bindet der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki sein bestes Stück vor einem rotem Vorhang (!), während Marilyn Monroe inmitten eines Geschäfts in unnachahmlicher Sexyness ein ganzes Krawattenwerk begutachten darf. Bei dem Typen, der in dem Fenster da hinten gespiegelt sei, handele es sich übrigens um Arthur Miller, sagt Stefan Thull. Die wunderbare Aufnahme sei Sam Shaw zu verdanken….


Die Sichtung der rund 200 Aufnahmen zum Thema „Die Krawatte in der Photographie“ entwickelt sich zu einem wilden Parforceritt durch die Höhen und Weiten des Mediums. Auch Thull, der als Modeberater bei Peek & Cloppenburg heute Beruf und Berufung aufs Beste zu vereinen weiß, ist sich um die Notwendigkeit eines Ordnungsprinzips bewusst. Die werde er aber gerne in die Hand eines Kuratoren legen, betont er, und erläutert seine Pläne, in mittlerer Zukunft einmal die Sammlung in den großen Häusern dieser Welt auszustellen. Haben wir noch etwas vergessen? Nun ja, man solle doch bitte erwähnen, dass er vor kurzem noch eine dritte Sammlung angelegt hätte: „Krawatten von Photographen“ hieße diesmal das Thema. Tiefes Durchatmen! Von Daido Moryama, William Klein, Bruce Gilden und Arthur Tress habe er bereits ein schönes Exemplar, sagt Thull nicht ohne Stolz. Einmal mehr spürt man das hüpfende Sammlerherz. Allerdings sei Martin Parr ein Problem, bekennt er freimütig. Der würde keine einzige besitzen, angeblich…


Eine letzte Frage ist nicht zu vermeiden. Nun ja, in seinem Kleiderschrank zuhause habe er rund 20 bis 30 Krawatten abrufbar, antwortet Stefan Thull. Pause. Mehr nicht. Er sei ja schließlich kein Sammler! Der Junge in dem grünen Pullover lächelt wieder.


Christoph Schaden, 2010

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©paul outerbridge

15.08.1896 - 17.10.1958

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©marianne breslauer

20.11.1909 - 7.2.2001

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©william klein - bottoms up

*19.4.1928

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©jeanloup sieff - gilbert bécaud

30.11.1933 - 20.9.2000

An encounter with Stefan Thull and his collection of „Neckties in Photography“


„Every passion borders on chaos – collecting leads to the chaos of memories.“

Walter Benjamin


Stefan Thull seems to be making things easy for you. The website with his name leads us to the picture of a boy looking sidelong mischieveously. With chin slightly lifted and a self assured gaze, already full of irony, he seems to say: „Ok, have a good look, but however you try, you won‘t get me! Never!...“

The boy with neatly combed hair is wearing a sweater over a white shirt and, unusual for his age, a dark tie. Is that the answer to the riddle? Already? After all, Stefan Thull, born 1958 in Aix-la-Chapelle, collects photographs showing ties (!) since the nineties. Starting our conversation, Thull says that more that 600 million men word wide wear this completely usesless status symbol, and that he personally finds it rather good looking.

Incidentally, the sweater, he remembers, was green, still his favourite colour. The man sitting opposite us now is actually wearing a green sweater, but no tie. No, Stefan Thull isn‘t making it as easy as that after all.


Collectors are generally said to be unable to explain the all consuming urge behind their actions. „Many are driven by a constant restlesness(Rastlosigkeit) – oder: Perplexity (Ratlosigkeit – geht es da um einen Tippfehler?) that can only be controlled by new discoveries or yet another acquisition“ – as Werner Münsterberger once said. Stefan Thull can‘t explain either but looks quite calm about it. Instead he recounts how it all started. Once, years ago in Bonn, wanting to organize a greetings card for a colleague, he hit. upon a singular image of a tie. This so inspired him, that ever since he had wanted to get hold of everything showing the long necked piece of clothing from high end art to kitsch. These „cravatities“ as Thull terms them, were sold in 1990 to Sepp Halbritter in Fuchsstadt. In the Tie Museum there the over 250 objects, including reproductions of Jim Dine, were on view for many years.


The time after that reads like an ideal biography of his obsession, during which his collector‘s passion turned into expertise. 1985 he published- neccessarily self funded– a manual with the shattering title „The Art of Tie-binding“, the French original dating from 1827. The reprint turned into a bestseller and he got invited to talkshows and fêted as a connoisseur and a high priest of ties. But, says Thull, he couldn‘t live off a title like that. He had gotten into photography in the early nineties. Working in a Munich advertising agency he was image-editing flyers for the textile industry. This trained his eye for his second collection, „The Tie in Photogaphy“.


There is nothing necessarily accidental about the beginning of that collection. It was a photo by Paul Outerbrigde. After all, the photographer died exactly on the day he was born, Thull says. This kind of mythical logic in connection with a subject such as his could perhaps seem peculiar, and he remembers being looked at askance quite often by dealers or in galleries as if he were after something indecent. But obessions like these are not all that out of the way: Even in courtly „Wunderkammern“ centuries ago, motivic collections were established to satisfy an encyclopedic interest in the world at large. And in the 19th century similar collections thrived in different kinds of corners such as natural science museums, art historical archives of iconography or in the hunting grounds of philately. Motivic collections today tend to serve as source material or starting points for creative artistic interventions (look at Stephan Bakenhol, Peter Piller). For photography, Helmut Gernsheim had already claimed: „You should only collect something that others are not collecting already. If you collect something that doesn‘t inerest anyone but you, there is only one alternative: Either you are crazy or everybody else is.“ The charming contraryness that neccessarily marks such conceptual collections does not set Stefan Thull apart. In the nineties for instance, Michael Horbach‘s collection conjured up the sensuality of axillary hair, more recently the New York galerist Bill Hunt focusses his collecting passion on „Blind People“ while in Cologne Christiane Ruff‘s Car Collection is growing steadily.


At last, Stefan Thull starts to dish up exhibits from his own collection. And it quickly appears to be driven by an ambitious kind of playfulness with its own captivating charm. Of course the collector can supply an adequate anecdote for each trophy, mostly about fantastic purchases or finds. And by and by the expressively differentiated, heterogeneous character of the compilation becomes apparent. Bruce Gilden is there as well as Marianne Breslauer, Hannes Kilian together with Josef Koudelka, Saul Leiter beside Robert Lebeck. Historic shoots of tie shops confront object studies in the Bauhaus manner or journalistic event photography like Barbara Kinney‘s photo taken in the White house and elected as World Press Photo of 1996. Ironically highlighted exhibits (e.g. a tie of the German Secret Service with an in-built micro camera (photographed by Andreas Magdanz) are exquisitly confronted with a surrealistic series by the Vienna photographer Martin Gerlach, showing, instead of ties, lascivious female nudes before a male chest – compliments of Freud. The fetish in all its metamorposes illustrates the imaginative freedom that is the hallmark of this collection. The Spaniard Chema Madoz even utilizes the useless utensil as a book mark. And finally, the celebrities are there. Gilbert Becaud, the great French chansonnier is shown reclining in a sentimental pose staged by Jeanloup Sieff making the white polka dots of his tie look completely out of place. In a six part sequence of Herlinde Koelbl, the literary critic Marcel Reich-Ranicki is seen tying his best piece before a red curtain (!), while in a shop Marylin Monroe in inimitable sexyness is seen viewing a whole tie collection. By the way, the guy mirrored in the window behind her, says Thull, is Henry Miller, and Sam Shaw shot the wonderful photograph.…


Seeing through the roughly 200 Photos about the „Tie in Photography“ has developed into a wild ride throughout the whole expanse of the medium. Thull himself, ideally combining job and vocation as a fashion consultant with Peek and Cloppenburg, is conscious of the need for a systematic approach to his collection. But he would like to leave that task in the hands of a curator, part of his future plans for exhibiting his treasures in some of the world‘s big museums. Anything we forgot? Yes, please to mention that he has started a new collection, the subject being „Ties of Photographers“ - a new, deep breath. He proudly confesses to wonderful examples already, coming from Daido Moryama, William Klein, Bruce Gilden and Arthur Tress. You can feel the collector‘s heart pulsing. But he has a big problem with Martin Parr: The man doesn‘t own a single tie – supposedly…


One last question cannot be avoided: The answer is, yes, there are about 20 to 30 ties in his wardrobe at home. Pause. No more than that. He is not, after all, a collector. The boy in the green sweater is smiling again.


Christoph Schaden 2010

Translated by Hiltrud Westermann-Angerhausen